Gerwald Grössings letzte Rally endet unsanft und schmerzhaft. Bei der Schneebergland Rallye 2018 prallt er in seinem  Ford Fiesta WRC mit 120 km/h gegen einen Baum. Sein Co-Pilot Sigi Schwarz bricht sich den linken Arm, der damals 51jährige Gerwald Grössing selbst bricht sich das Brustbein, erleidet unzählige Prellungen und weiß, dass seine Karriere als Rally-Pilot vorbei ist.

Ganz ohne Motorsport will er aber nicht bleiben. Eine Unterhaltung mit seinem Rennfahrerkumpel Kris Rosenberger lässt eine Idee entstehen, die Österreichs Enduro-Szene das bis dato wohl schönste und größte zusammenhängende Enduro-Areal zur freien Fahrt beschert hat. “Red Stag ist eigentlich aus einer Laune heraus geboren worden”, sagt Gerwald Grössing. “Nachdem ich nach meinem schweren Rennunfall meine aktive Karriere beendet hatte, saß ich mit Kris Rosenberger beisammen und wir überlegten, was man nach einer Rallyelaufbahn motorsportlich sonst noch anstellen könnte. So haben wir ein Konzept erstellt und im darauffolgenden Herbst einen Probelauf abgehalten. So hat es begonnen.”

Das Red Stag Gelände hält Trails und Passagen für alle Erfahrungs-Stufen bereit. Für die Saison 2021 wurden zusätzliche Einsteiger-Tracks angelegt.

Und so erschloss Gerwald Grössing in Rohr im Gebirge das Red Stag Areal für den Enduro-Sport. Herzstück ist der Red Stag Trail, der über mehr als 14 Kilometer durch voralpines Gelände führt. Von dieser Hauptroute zweigen mehrere Offroad-Sektionen ab. Einige davon sind perfekt, um die ersten Meter im Gelände zu wagen. Manche sind perfekt, um Mensch und Maschine an die Leistungsgrenze zu bringen. Die Abstufungen sind fließend.

Acht Mal pro Saison zeigt das Red Stag Team, dass sich der Wald, das Wild und die Anrainer durchaus mit Enduros vertragen. Es funktioniert, wenn man auf die Feinabstimmung achtet, sagt Gerwald Grössing. Der gelernte Forstwirt achtet vor Allem darauf, das Wild an den Fahrtagen nicht zu sehr in Aufregung zu versetzen, um Stress und Panikreaktionen zu vermeiden: “Wir haben die Strecken so gewählt, dass Wildtiere ausreichend Platz haben, sich während der Veranstaltung zurückzuziehen. Es ist aber schon wichtig und notwendig, dass man den natürlichen Lebensraum der Tiere nicht zu sehr vereinnahmt. Leider nimmt man immer wieder wahr, dass Enduro-Fahrer auch in Österreich im freien Gelände ohne Konzept unterwegs sind, womit extremer Schaden angerichtet wird. Nicht nur beim Wildbestand, sondern auch in der öffentlichen Wahrnehmung. Daher appellieren wir immer an die Fahrer, dort unterwegs zu sein, wo es geordnet und legal ist.”

Auch unter den Anrainern ortet Gerwald Grössing eine hohe Akzeptanz, obwohl an jedem Fahrtag mehrere hundert Enduros im Wald bei Rohr im Gebirge unterwegs sind. “Darum muss man mit den Anrainern sehr sorgsam umgehen. Information ist das Wichtigste! So kann sich jeder darauf einstellen, dass eben am Fahrtag hin und wieder ein Motor zu hören ist. Bei uns gibt es da überhaupt kein Problem und die Gastronomiebetriebe und Beherbergungsbetriebe sind sehr froh darüber, dass wir doch viele Besucher in unsere Ortschaft locken.”

Da die Zahl der Fahrtage und die Zahl der TeilnehmerInnen am Red Stag Trail limitiert sind, ist das Interesse groß, die Veranstaltungen sind meist Wochen vorher bereits ausgebucht. Auf der Strecke selbst gibt es nur wenige Staupunkte an den technisch schwierigsten Stellen. Grundsätzlich sei die Kameradschaft und die Rücksichtnahme groß, sagt Gerwald Grössing. Das habe er auch nicht anders erwartet: “Endurofahrer sind sehr kollegial und zumeist auch sehr diszipliniert. Ich bin das auch so gewohnt, nachdem ich 15 Jahre als aktiver Pilot in der Österreichischen Rallye Staatsmeisterschaft gefahren bin. Wir betreiben hier Motorsport und der erfordert einen professionellen Zugang. Das beginnt in der Früh bei der Anmeldung und endet am Abend, wenn die Leute das Gelände sauber verlassen. Wir werden in der heurigen Saison aber mehr auf die Unart mancher Fahrer achten, sich nicht an Einbahnregelungen zu halten oder die vorgegebene Strecke zu verlassen. Das ist schlicht inakzeptabel, weil sich diese Fahrer nicht nur selbst in Lebensgefahr bringen, sondern auch andere Teilnehmer gefährden, die sich an die Regeln halten. Wenn jemand abseits der wirklich sehr gut gekennzeichneten Strecken zu Sturz kommt und das Bewusstsein verliert, finden wir ihn nicht. An die Folgen mag ich gar nicht denken!”

“Eine Idee aus einer Laune heraus.” Diese beiden Herren haben sich “Red Stag” ausgedacht: Kris Rosenberger (links) und Gerwald Grössing (rechts)

Die Saison 2021 bringt einige Neuerungen in Rohr im Gebirge. Die Strecken sind großflächig umgebaut und adaptiert worden. Speziell Anfänger werden mehr leichte Sektionen vorfinden. Mit GasGas stehen am Gelände jetzt auch Trial-Motorräder bereit, dafür wurde ein eigener Trial-Abschnitt angelegt.

Und die Parksituation wurde weiter verbessert, sagt Gerwald Grössing. “Alles wird größer und so können wir auch in der COVID-Zeit Sicherheitsabstände garantieren, bei denen alles im grünen Bereich ist. Ab dieser Saison haben wir auch einen Notarzt mit im Team, der das Rote Kreuz im Notfall begleitet. Es bekommt auch jede Sektion einen eigenen Namen mit Kilometerangabe und Kennzeichnung des Schwierigkeitsgrades, Meetingpoints werden eingeführt und die gesamte Beschilderung wird weiter ausgebaut. So gut eine Veranstaltung auch geplant sein mag, es gibt immer Luft nach oben und wir verbessern uns ständig. Das ist der Anspruch, den ich an mich selbst und an mein Team habe. Nur so funktioniert es.” (c. panny, hubert lafer)

STORY: Bernhard Schöpf gewinnt sein ÖM-Comeback in Rohr im Gebirge (Juli 2020)

LINK: Red Stag

photos (c) Red Stag & C. Panny